Ausbildung und Homeoffice – unvereinbar oder zukunftsträchtig?

Ausbildung und Homeoffice – das galt einst ganz kategorisch als nicht miteinander vereinbar.

Schließlich braucht der Auszubildende den anwesenden Ausbilder, der die Inhalte des Ausbildungsrahmenplans vermittelt. Seit Corona allerdings die Arbeitswelt und das Ausbildungsjahr 2020/21 mächtig durcheinander gewirbelt hat, zeigt sich, dass Video-Konferenz-Tools viel für das Homeoffice tun können.

Zwar ist das Homeoffice in manchen Branchen wie dem Handwerk oder der Gastronomie sehr schwierig umsetzbar, bzw. komplett unmöglich. Dort, wo es aber möglich ist, könnte es sich auch für die klassische Ausbildung als zukunftsträchtiges Modell erweisen. Wenn auch gewiss nicht für jeden Tag.

In meinem heutigen Blogbeitrag möchte ich mir das Thema Ausbildung und Homeoffice dabei genauer ansehen. Nicht nur durchleuchte ich in diesem Zusammenhang die rechtliche Basis, sondern bespreche auch die Risiken und Chancen, die damit einhergehen, dem Azubi von zuhause aus ein Stück weit freie Hand zu lassen.

Ist Homeoffice für Auszubildende überhaupt erlaubt?

Grundsätzlich bin ich auf keinen Paragraphen gestoßen, der das Homeoffice in der Ausbildung untersagt. Dafür aber auf einen wichtigen Abschnitt aus dem Berufsbildungsgesetz. In § 14 Absatz 1 Nummer 2 (BBiG) heißt es, dass ein Ausbilder dafür zu sorgen hat, dass der Ausbildungsbetrieb einen oder eine Ausbilder/in ausdrücklich damit beauftragen muss, dass der Azubi die berufliche Handlungsfähigkeit erlangt, bzw. das Ausbildungsziel in der dafür vorgesehenen Zeit erreicht.

Dabei muss die ausbildende Person sich in der gleichen Ausbildungsstätte befinden, um den Azubi entsprechend anleiten zu können, ihm Aufgaben zu geben und die Leistungen zu kontrollieren und zu bewerten.

Sofern Ausbilder und Azubi allerdings auf digitalem Weg über den Arbeitstag hinweg eng miteinander vernetzt sind, wären diese Vorgaben im weitesten Sinne noch erfüllt.

Die IHK empfiehlt dennoch, dass das Homeoffice in der Ausbildung maximal zur Vertiefung von bereits gelernten Ausbildungsinhalten zur Anwendung kommt. Die Vermittlung von neuen Inhalten soll hingegen ausnahmslos im Betrieb erfolgen. Ein in meinen Augen sehr sinnvoller Vorschlag.

Ausbildung und Homeoffice: So bleiben Ausbilder und Azubi miteinander in Kontakt

Die Grundvoraussetzung, damit das Homeoffice in der Ausbildung zum Einsatz kommen kann, ist natürlich, dass der Azubi seine Arbeiten auch digital an einem passenden mobilen Endgerät erledigen kann, bzw. vom Betrieb die nötigen Arbeitsmaterialien bereitgestellt bekommt.

Ist das der Fall, so sollte der Tag nach Möglichkeit mit einer Art „Wake up“-Konferenz eingeleitet werden, die zum regulären Arbeitsbeginn stattfindet. Startet der Betrieb um 8 Uhr morgens, so sollte auch die Morgenkonferenz um exakt 8 Uhr stattfinden, damit der Tag seine Struktur behält.

Die Aufgabe des Ausbilders besteht dann darin, die Aufgaben des Tages zu verteilen, bzw. anzusprechen. Azubis sollten die Möglichkeit für Rückfragen erhalten. Ein wichtiger Punkt, der hierbei im Homeoffice aber gerne vergessen wird, ist die Festlegung von klaren Tageszielen. Dabei bietet es sich an, in Etappen zu arbeiten. Beispielsweise ließe sich für 11:45 Uhr eine kleine Zwischenstand-Konferenz vor der Mittagspause durchführen.

Der Ausbilder sollte derweil digital mit nach Möglichkeit keiner merklichen Hürde erreichbar bleiben. Beispielsweise in einem Video-Chat-Raum. Auch Azubis sollten aber während der definierten Arbeitszeit stets digital ansprechbar bleiben.

Ausbildung und Homeoffice - Kaffeepause zuhause
© awarts, Fotolia.de

Ausbildung und Homeoffice: Was spricht dafür und was spricht dagegen?

Im zweiten Teil möchte ich noch einige Aspekte aufgreifen, die für oder gegen das Homeoffice sprechen. Dabei ist es mir vor allem wichtig, etwaige Lösungsmöglichkeiten anzusprechen, mit denen die Contra-Punkte gelöst werden könnten.

Vielleicht ist darunter ja der eine oder andere Punkte, der für Ihren Betrieb umsetzbar erscheint oder an den Sie noch nicht gedacht haben? Vielleicht haben Sie auch noch weitere wichtige Punkte, die ich vergessen habe? Hinterlassen Sie mir in jedem Fall gerne einen Kommentar!

Die Wege fallen weg

Dass ein Azubi ein eigenes Auto hat, ist definitiv nicht die Regel. Schließlich gelten für die KFZ-Finanzierung bei Auszubildenden wegen des niedrigen Einkommens deutliche Einschränkungen. Auch die laufenden Kosten von Versicherung über Steuern bis hin zu Reparaturen sind mit dem Ausbildungsgehalt oft nur schwer zu stemmen.

Die meisten Azubis nutzen dementsprechend öffentliche Verkehrsmittel, um zum Ausbildungsbetrieb zu kommen. Selbst im städtischen Bereich sind Anfahrtszeiten von bis zu einer Stunde normal. Auf dem Dorf kann es sich mitunter noch länger ziehen.

All diese Wege fallen aber logischerweise im Homeoffice weg. Das bedeutet, dass der Azubi länger schlafen kann und mehr vom Tag hat. Vorteile, die er oder sie gewiss nicht damit verspielen wird, indem er zuhause anderen Aktivitäten als der Arbeit nachgeht.

Dass die Wege wegfallen, wirkt sich außerdem vielleicht sogar auf die Zeit nach der Berufsschule aus. Im Beitrag Nachgehakt: Muss ein Azubi nach der Berufsschule noch in den Betrieb? zeige ich Ihnen, wann ein Azubi nach der Schule wirklich Feierabend hat. Beispielsweise, wenn es sich nicht mehr ausreichend lohnen würde. Aus dem Homeoffice heraus wäre aber unter Umständen noch das eine oder andere Stündchen durchaus rentabel.

Die Kontrollmöglichkeiten des Ausbilders sind limitiert

Allerdings ist dem auf der Contra-Seite direkt gegenüberzustellen, dass der Ausbilder eben nicht einen Raum weiter gehen muss, um zu kontrollieren, was der Azubi gerade macht und wie es mit der Arbeit vorangeht.

Reagiert der Azubi nicht sofort auf eine E-Mail oder nimmt den virtuellen Anruf an, löst das in Ausbildern schnell Skepsis aus. Immerhin ist die Bandbreite von Gründen, weshalb der Azubi gerade nicht am Schreibtisch sitzen könnte, lang. Auch im Betrieb kann er sich einen Kaffee machen gehen oder eine Toilettenpause einlegen. Allerdings könnte er eben auch mit seinem Smartphone spielen, mit Freunden telefonieren oder fernsehen. Das Smartphone am Arbeitsplatz lässt sich im Homeoffice natürlich in keiner Weise verbieten.

Letzten Endes sollte es aber spätestens bei der Bewertung der Arbeit nicht lange verborgen bleiben, wenn der Azubi den Großteil des Tages seiner Arbeit nicht nachgeht. Umso wichtiger ist es, dass der Ausbilder Tagesziele festlegt und diese auch auf ihre Erreichung hin kontrolliert.

Das Homeoffice motiviert Azubis

In meinem Beitrag Azubis motivieren – auf diese 7 Aspekte kommt es an habe ich Ihnen bereits erklärt, dass Azubis Eigenverantwortung wollen. Homeoffice ist dabei gelebte Eigenverantwortung, denn der Azubi muss eigenverantwortlich seinen Tag so strukturieren, dass er die definierten Tagesziele erreicht.

Spürt er dabei auch noch das vom Betrieb übertragene Vertrauen, so kann das Homeoffice schnell zu einer regelrechten Schlüsselmotivation in der Ausbildung avancieren.

Homeoffice in der Ausbildung braucht klare Regeln

Damit der Ausbildungsbetrieb eben jenes Vertrauen auch wirklich in die Azubis legen kann, bedarf es allerdings klarer Regeln. Das fängt bei den Arbeitszeiten an und streckt sich bis hin zur Wahl der Kleidung.

Niemand kann dabei von Azubis erwarten, mit Anzug und Krawatte im Homeoffice zu sitzen. Allerdings sollte ein gewisser „Schlabberlook“ durchaus unterbunden werden. Diverse Untersuchungen legen den Verdacht nahe, dass es einen gewaltigen Unterschied machen könnte, ob Arbeiten im Schlafanzug oder im herkömmlichen Büro-Look erledigt werden. Das fängt bei der Haltung der Arbeit gegenüber an und erstreckt sich bis hin zur Frage, ob die Konzentrationsfähigkeit im Jogginganzug schneller leidet als in Hose und T-Shirt.

Letztlich ist die Frage, wie der Azubi sich zuhause kleidet, natürlich nur sekundärer Natur, wenn nicht gar vollständig irrelevant. Dennoch empfiehlt es sich, wenn der Betrieb klare Empfehlungen ausspricht und ein paar Spielregeln aufstellt.

Störungen durch Kollegen bleiben aus

Ausbilder kennen ihre Pappenheimer und wissen, welche Azubis sich gegenseitig immer wieder ablenken und von der Arbeit abhalten. Natürlich können sich die jungen Menschen auch im Homeoffice anrufen oder mit dem Smartphone texten. Tatsächlich dürfte es im Homeoffice aber bei Weitem nicht zu solchen Ausmaßen an Störungen kommen können wie am Arbeitsplatz selbst.

Ein Aspekt, der definitiv die Konzentrationsfähigkeit der Mitarbeiter positiv beeinflussen sollte, zumal auch Störfaktoren wie das klingelnde Telefon des Kollegen, der gerade zu Tisch ist, oder die zu laut ratternde Kaffeemaschine nebenan, oder der wichtige Kunde, der gerade durch die Räumlichkeiten geführt wird, allesamt wegfallen.

Das Homeoffice ist krisenresistent

Corona hat es gerade erst gezeigt: In Zeiten von Krisen – und auch Krankheitswellen oder Pandemien können schnell eine Krise verursachen, wenn reihenweise die Mitarbeiter ausfallen oder nicht zur Arbeit kommen können – kann mit dem Homeoffice die Handlungsfähigkeit eines kompletten Betriebs aufrecht gehalten werden. Natürlich immer unter der Voraussetzung, dass die täglichen Arbeiten der Branche auch im Homeoffice zu erledigen sind.

Umso vorbereiteter auf zukünftige Krisen und Krankheitswellen ist jedes Unternehmen, dass seine Mitarbeiter – und dazu gehörigen die Azubis eben auch – jetzt schon an das Homeoffice heranführt.

Fazit

In diesem Beitrag habe ich mir das Homeoffice in der Ausbildung in aller Ausführlichkeit angeschaut. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Vermittlung neuer Ausbildungsinhalte immer im Betrieb erfolgen sollte. Wenn es aber darum geht, die Inhalte einzuüben und täglich umzusetzen, könnte das Homeoffice eine hervorragende Lösung sein.

Ein Unternehmen könnte zukünftigen Krisen vergleichbar der Corona-Pandemie potenziell vorbeugen, indem es beispielsweise einen Tag pro Woche oder zwei Tage im Monat oder dergleichen ins Homeoffice verlagern würde. Ist der Azubi erst einmal daran gewöhnt, könnte sich das Homeoffice sogar für die Nachmittage nach der Berufsschule anbieten.

Letztlich wird das Homeoffice fast überall, wo es praktiziert, als Win-Win-Situation beschrieben, weshalb sich in meinen Augen auch die Ausbildungswelt nicht mehr davor verschließen sollte. Zum Alltag sollte es allerdings gerade am Anfang der Ausbildung und bei jedem neuen Kapitel des Ausbildungsrahmenplans gewiss nicht werden.

Wie ist Ihre Meinung zum Homeoffice in der Ausbildung? Werden Sie Teil meiner Facebook-Community und lassen Sie uns dort gemeinsam darüber diskutieren! Ich freue mich auf Sie!

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